17.02.18

Kammer-Wege

Alle Wege führen angeblich nach Rom. Meiner hingegen führte mich seit 2001 Schritt für Schritt in die Wirtschaftskammer. Zuerst lernte ich diese Institution als Mitarbeiterin einer wahlwerbenden Gruppe kennen und durfte als Zustellungsbevollmächtigte die Luft am Stubenring schnuppern. Beim Öffnen der Kuverts mit den Stimmzetteln zuletzt anno 2010 wurde ich nebst anderen BeobachterInnen von sämtlichen jemals amtierenden Präsidenten in Öl beäugt. Dieses Schauspiel durchlief ich zwei Mal.

Die letzten 2 ½ Jahre war ich ein so genanntes EPU  oder anders gesagt: eine Ein-Personen-Unternehmerin mit Schwerpunkt auf Text, Story und Social Media. Und wie es der Zufall so wollte, kam ich als Mitglied der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation in den Genuss eines Frühstücks mit dem Präsidenten. Diesmal saß ich unter den Augen der PräsidentInnen – Brigitte Jank war mittlerweile auch Teil der Bildergalerie – und tatsächlich Auge in Auge mit Walter Ruck. Mein Sitzplatz war ihm direkt gegenüber. Seither weiß ich, dass er lieber Tee als Kaffee trinkt.

Wenn ich noch ein wenig weiter zurückblicke, war mir die Wirtschaftskammer an sich nie eine Fremde. Als eine in einem Familienunternehmen groß Gewordene nahm ich die Kammer in Niederösterreich zumindest durch ihre regelmäßig erscheinende Zeitung und die Erzählungen meines Vaters wahr. Er war mehr als 20 Jahre lang Wirtschaftsbundobmann – für mich lange ein Synonym für die Kammer an sich. Dass sich dahinter eine breitere Vielfalt versteckte, lernte ich erst später.

Apropos Wege: Mein Weg zur Arbeit ist ein kurzer. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die WK Wien ihren Sitz in die Walcherstraße verlegen wird. Derzeit brauche ich von zu Hause zu Fuß knappe 20 Minuten von Tür zu Tür. Bringe ich unseren Sohn zuvor in die Schule, sind es von dort gar nur noch knappe 10 Minuten Fußmarsch bis zum Stubenring. Und weil ich da grad so schön im Gehen bin, nehme ich in 99 % der Fälle auch die Stiegen und nicht den Lift. Der ist entweder ohnehin gerade unterwegs oder verspricht eher voll zu werden. Somit sehe ich die vier Etagen bis zu meinem Büro als sportliche Herausforderung. Noch bin ich nicht schneller geworden. Aber kommt Zeit, kommt Kondition.

18.12.17

Lange Leitung

Es war die Zeit der neon-farbenen Schianzüge, der wasserstoffblonden Meschen, der schwarzen Lidstriche und gestreiften Jeans, der Nietengürtel, Netzleiberl und Jogging High. Auf Ö3 liefen Duran Duran, Pet Shop Boys, Madonna, Milli Vanilli und Michael Jackson. Udo Huber präsentierte ‚Die großen 10’ im Overall. Wir trugen die Haare dauergewellt, auffrisiert und mit reichlich Haarspray fixiert.

„Fasse dich kurz“, war jener Satz, den mein Papa damals stets gebrauchte, wenn er mein Ohr in Teenagertagen am Telefonhörer hängen sah. Und ich hing wirklich oft und lange in der Leitung, die in den 1980er-Jahren noch eine geschäftliche war und tunlichst frei zu bleiben hatte, um Nachrichten über Waschmaschinenstörungen, FI-Schutzschalterprobleme oder andere Herausforderungen in Sachen Elektroinstallation entgegenzunehmen.

Dazu kam noch, dass Telefonieren in meiner Kindheit und Jugend eine eher kostspielige Angelegenheit war (so hieß es zumindest). Wir hatten kein kostengünstigeres Viertel-Telefon. Insofern kannte ich das bange Warten auf eine freie Leitung, an der bis zu drei andere Haushalte hingen, nur vom Hörensagen. Meine Schulfreundin Elke, die das Ziel meiner Anrufe war (oder ich eben ihrer) hatte auch einen so genannten vollen Anschluss. Das hing – meiner Erinnerung nach – ursächlich damit zusammen, dass ihr Vater bei der Post arbeitete und für Telefone bzw. deren Entstörung zuständig war. Von der Qualität der Leitungen her waren wir also durchaus privilegiert. Bei ihr mahnte jedoch niemand die Kürze der Telefongespräche ein.

„Was habt ihr euch so viel zu erzählen? Ihr seht euch ja eh morgen in der Schule wieder“, hieß es bei uns zu Hause. Dass es Dinge zu besprechen gab, die sich für die kurzen Pausen in der Schule nicht eigneten bzw. den zeitlichen Rahmen einfach sprengen würden, wollte meine Eltern nur schwer glauben. Und so musste ich fast jedes Telefonat verteidigen bzw. vor Beginn der Redezeit versprechen, es kurz zu halten. Dass Zeit relativ ist, war mir schon damals klar. Meine Minuten dauerten eindeutig länger als die der Erwachsenen.

Ich beneidete jene Kids, die ich aus in den USA gedrehten Videofilmen kannte: Sie entrollten einfach das Kabel und entschwanden mit dem Telefon in ihr Zimmer. Das ging nicht. Unser Telefon war lange Zeit an die Wand montiert. Ich stand meist an ebendiese gelehnt am Gang neben dem Stiegenhaus und hatte im Winter stets einen dicken Pullover und zwei Paar Socken an, um den gedämpften Temperaturen außerhalb der Wohnräume standzuhalten. Mobiltelefone existierten in den 1980er-Jahren nicht einmal in meinen kühnsten Vorstellungen; auch wenn ich damals viel Science Fiction im Fernsehen oder auf Video sah und in Büchern las.

Heute fasse ich mich freiwillig kurz. Grund dafür sind nicht die Kosten: 1000 Freiminuten würden viele Endlostelefonate mit Freundinnen erlauben. Doch hat mir die Mobiltelefonie das Telefonieren etwas vermiest. Ob es nur an der fehlenden Leitung liegt? Kaum. Eher an der in Ohr und Kopf spürbaren Hitze, die das Telefon abgibt. Sie ist eines der Hauptargumente für meine Zurückhaltung beim Telefonieren. Außerdem lässt sich viel auch mit SMS oder Whatsapp „besprechen“. Mit manchen Menschen kommuniziere ich fast ausschließlich auf diesem Weg.

Anfang letzter Woche hing ich übrigens mit meiner bereits genannten Schulfreundin wieder an der mobilen Leitung. Da ich Kopfhörer schon vor mehreren Jahren als wichtiges Zusatz-Tool von Mobiltelefonen entdeckt habe, war das Smartphone weit genug vom Ohr weg, um mein Gehirn auf Normaltemperatur zu halten. Unser Gespräch dauerte so lange wie einst – gute eineinhalb Stunden. Wir tun es zwar nicht mehr täglich, aber zumindest zwei bis drei Mal pro Jahr. Und es ist fast wie in alten Zeiten – auch ohne Lidstrich und Drei-Wetter-Taft.

03.08.17

Kein Sommer wie damals

„Die Hitze der Stadt ist im Sommer brutal. Weil man fürchterlich matt ist, wird das Leben zur Qual.“
Was Rainhard Fendrich anno 1982 sang, war für mich nur bedingt nachvollziehbar – zumindest, so lange ich im Waldviertel lebte. Damals hieß es noch: Es gibt maximal zwei eisfreie Tage dort oben. Und die waren sicher nicht im August. Denn ab August hieß es spätestens am Abend: Jeans aus dem Kasten holen und einen Pullover mitnehmen. Es wird „huschi“.

Doch zurück zur Qual: Bis ich fünfzehn oder sechzehn war, fuhr ich jeden Sommer für zwei Wochen zur Oma nach St. Pölten. Es war an ihrem Küchentisch, wo ich den Liedtext nach und nach auf einem Blatt Papier vervollständigte – aufmerksam mithörend, wenn das Lied wieder auf Ö3 lief. Und das alles, um den damaligen Sommerhit laut mitträllern zu können.

St. Pölten ist zwar nicht Wien. Aber für eine geborene Waldviertlerin spürte sich die Stadt an manchen Tagen und besonders manchen Nächten unerträglich heiß an. Meines Wissens kratzte das Thermometer jedoch nur äußerst selten an der 30-Grad-Marke. Omas Wohnung hatte zwei Zimmer, eine Küche, ein Bad und eine Toilette. Das Schlafzimmer teilten wir uns in jenen Tagen zu viert: meine Oma, mein Onkel, meine Schwester und ich. Zwar waren beide Fenster geöffnet, doch wie in großen Städten und ihren Innenstädten üblich, kühlte es dank des vielen Betons uns Asphalts nur bedingt ab. Das ist in Wien dieser Tage nicht anders. Mit dem Unterschied, dass die Außentemperaturen derzeit weit über 30 Grad liegen und sich unsere Wohnung bereits auf 28 Grad erhitzt hat. Dazu kommen in den 1980er-Jahren noch unbekannte Tropennächte hinzu. In solchen Nächten sinkt die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad Celsius, sondern bleibt oft noch deutlich darüber.

„Darum strömen die Blassen zu den städtischen Kassen, denn die Frische, die hat man nur in einem Bad“, sang Fendrich weiter. Damals fuhren wir mit meinem Onkel an jedem regenfreien Tag ins Kaltbad. Ich erinnere mich noch gut an die Tage, an denen ich mit meiner Schwester unseren Mut erprobte. Wenn es ein Wettkampf gewesen wäre, hätte sie eindeutig gewonnen. Der erste Sprung ins Wasser war vom Ein-Meter-Brett, der nächste dann vom Drei-Meter-Brett. Eine Herausforderung, der ich mich erst nach viel inneren Monologen, die mir Mut zusprachen, stellte. Und als ich ein paar Mal von dort gesprungen war, wagte ich mich gemeinsam mit ihr auch an das Fünf-Meter-Brett. Ich stand damals eine gefühlte Ewigkeit oben, bis ich endlich sprang. Einmal und nie wieder – glaube ich mich zu erinnern. Meine Schmerzgrenze war schon bei drei Metern erreicht gewesen. Den um zwei Meter höher gelegenen Kick brauchte ich nicht unbedingt.

Einmal und nie wieder – das würde ich auch gerne zu den immer häufiger werdenden Tagen mit mehr als 30 Grad in Wien sagen. Als ich vor 27 Jahren hierher zog, gab es Temperaturen über 30 Grad im Sommer nur äußerst selten. Einmal und nie wieder soll es 30 Grad in der eigenen Wohnung haben. 2015 hatten wir diese magische Grenze erreicht. Heuer sind wir noch zwei Grad drunter – noch.

Doch so lange weiterhin CO2 in die Luft „gepumpt“ wird, kann sich an der Lage der StädterInnen nichts ändern. Je mittiger sie wohnen, desto heißer. Ein Altbau ohne Wärmeisolierung oder Dachdämmung heizt zusätzlich ein. Werden die CO2-Emissionen nicht reduziert, setzt sich der Klimawandel ungebremst fort. Und dann wird es laut ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) zwischen 2021 und 2050 in Wien 19,3 Hitzetage geben. Und zwischen 2071 und 2100 könnten es bereits 41 werden. Da wird unser Sohn an die sechzig Jahr alt sein.
So kam es, dass ich heute freiwillig in ein Einkaufszentrum flüchtete, um mich abzukühlen. Wohl wissend, dass Klimaanlagen in Einkaufszentren, Geschäften und vermehrt auch in Wohnungen die Luft erst recht aufheizen – ein Teufelskreis.

2015 habe ich mir geschworen: „Ich will keinen derart heißen Sommer mehr in Wien verbringen müssen.“ – Mein Fazit heute: Ich werde mich wieder engagieren, um die Auswirkungen des Klimawandels zu dämmen. Wie und wo wird sich noch zeigen. Der erste Anfang ist seit Jahren gemacht: Verzicht auf ein Auto, lieber Bahn als Flugzeug. Ist das genug? Wenn noch mehr Menschen ihre Wege so gehen bzw. fahren würden, wäre das sicher positiv. Selbst wenn das natürlich nur ein Tropfen auf den viel zitierten heißen Stein ist. Vertikale Begrünung in Städten und ausschließlich Elektroautos auf den Straßen sind hoffentlich bald Realität und nicht nur mein Wunschtraum.

Jedenfalls will ich nicht tatenlos zusehen und unserem 6-Jährigen noch weitere Hitzerekorde erleben lassen müssen. Die aktuellen heißen Tage genießt er bei den Großeltern im Waldviertel.
Seine Generation soll nicht sagen: „Ihr habt es ja gewusst. Warum habt ihr nichts dagegen gemacht?“ 

04.07.17

Sonntag

Sonntage im Waldviertel unterscheiden sich von Sonntagen in Wien vor allem durch den regelmäßigen Gang zur Kirche. Wenn ich dieser Tage – vor allem an einem Sonntag –  in Wien auf meiner Yogamatte liege und meinen Körper nach einer vollbrachten Yogaeinheit in Shavasana (Entspannungslage / Totenstellung) ausruhen lasse, höre ich oft die Glocken der Rochuskirche.

Die Kirche ist etwa 500 Meter von unserer Wohnung entfernt. Je nachdem aus welcher Richtung der Wind weht, höre ich die Glocken mal lauter und mal leiser. In Shavasana funktioniert das besonders gut, weil es sonst keine Geräusche um mich gibt und ich auch nicht durch irgendein Tun vom Hören abgelenkt bin.

Diese Glocken klingen haargenau wie jene der Kirche in meiner Heimatgemeinde im Waldviertel. Sobald sie läuten, werde ich manchmal nicht nur vom Ort weg- sondern auch in der Zeit zurück gebeamt. Und ich höre die Nachbarsbuben oder andere DorfbewohnerInnen, die „eingeborener“ als ich und meine Familie waren, das dafür typische Waldviertler Wort sagen: „Zoacha“ (Zeichen). Lange verstand ich nur „d’Soacha“ und frage mich, welche Sache oder Seuche die Kirche mit dem Läuten der Glocken so vehement untermauern wollte. 15 Minuten vor Beginn der Messe wurden die DorfbewohnerInnen jedenfalls lautstark gemahnt, sich rechtzeitig in den Kirchenbänken einzufinden. Links die Frauen, rechts die Männer. Eine Durchmischung war in den 1970er-80er-Jahren noch eher selten. Die älteren Frauen trugen bunte Kopftücher und waren dadurch auch von hinten erkennbar; jede hatte ein anderes und trug sonntags meist das gleiche.

Und die Glocken der Rochuskirche bringen mich sonntags auch hin und wieder zurück an den Tisch meiner Oma, wo wir vor dem sonntäglichen Kirchgang unser Frühstück aßen. Eine Schiebetür verbindet die Häuser meiner Eltern und Großeltern noch heute. Damals saßen wir meist zu fünft am Tisch: meine Großeltern, meine Schwester, mein Bruder und ich. Es gab meist selbst gemachten Guglhupf oder einen Kakaokuchen. Letzteren bestrich ich zusätzlich und gern mit Omas selbst gemachter Marillenmarmelade – eine ohne Bröckerl und Hautstücke. Zum obligatorischen Sonntagskuchen kredenzte sie Kaffee, ihren „Blümchenkaffee“ –  bestehend aus Bohnenkaffee und Feigen- oder Getreidekaffee. Gut verträglich schon für Schulkinder und immer noch schmackhaft für schon fast erwachsene Kinder. Das gekochte Wasser tropfte in aller Gemütlichkeit durch den mit Kaffee gefüllten Filter – wahrscheinlich meine erste Erfahrung in Meditation und Kontemplation.

Diese Sonntagstradition behielten meine Geschwister und ich noch bei, als wir schon in jenem Alter waren, wo die Disco als Samstag-Abend-Gestaltung wichtig wurde. Zu Hause hieß es in jener Zeit stets: „Wenn du am Samstag Abend fortgehen kannst, dann kannst du am Sonntag auch in die Kirche gehen.“ So sprach der Papa. Und wir widersprachen kein einziges Mal. Die Sonntagsmesse begann zum Glück erst um viertel zehn; das war auch für weggehende Jugendliche eine verträgliche Zeit. Das „Zoacha“ ertönte um neun. Um viertel zehn saß ich gemeinsam mit meiner Schwester und anderen Mädchen in unserem Alter in der zweiten Reihe links.

Manchmal zieht es mich in die Rochuskirche. Nie jedoch zu Messezeiten, sondern immer dann, wenn es nötig ist, eine Kerze anzuzünden. In den letzten Jahren tat ich das recht häufig, um der verstorbenen Jugendfreunde von früher zu gedenken. Wenn ich dann in der Rochuskirche rechts bei den flackernden Kerzen sitze, ist es wie das Eintauchen in eine andere ehemals vertraute Welt. Auch dort werde ich oft in Ort und Zeit weggebeamt: in die Kirche in Neupölla in die zweite Bankreihe links. Unsere Pole-Position, um die Lesung und Fürbitten zu lesen. Eine Aufgabe, die wir uns selbst ausgesucht hatten, um die Zeit in der Messe etwas spannender zu gestalten, als nur zu sitzen und zu „warten“.


22.06.17

Mehr als hautnah

„An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD.“ Wer in den 1970er-Jahren geboren ist, erinnert sich wahrscheinlich noch an diese Werbung. Nun denn, CD kam nicht an meine Haut. Womit genau ich mich wusch, habe ich vergessen – Seife war es sicher – wahrscheinlich eine von Fa mit Meeresbrise in zartblau.

Lange Zeit durfte wirklich nur Seife an meine Haut. In meinen Teenagerjahren wurde diese durch Bac ergänzt. Es kam in den 1980er-Jahren auf den Markt und war das erste Stick-Deo. Dass Bac die Kurzform für Bactericid 43 war, habe ich erst Jahre später erfahren.
Schminke kam mir keine ins Gesicht, sieht man mal von dem schwarzen Kajalstift ab, den ich mit 17 und 18 Jahren regelmäßig verwendete, um meine ohnehin dunklen Augen eine noch finsterere Note zu verleihen. Von Natur aus eher mit „nobler“ Blässe gesegnet (in jungen Jahren war ich eher ein Indoor-Freak mit Buch vor der Nase) war das ein durchaus adäquater Auftritt im Alltag.

Mit Anfang zwanzig eroberte ich Wien. Dabei verzichtete ich auf das Schwarz um meine Augen und lernte nach und nach neue Menschen kennen. Eine meiner Freundinnen hatte damals – wir schreiben das Jahr 1996 – mehrere Monate als Chefredakteurin einer Zeitung in Santiago de Chile verbracht. Als sie nach Wien zurückkehrte, war sie nicht allein: Mao war für einige Zeit an ihrer Seite und bei ihr zu Hause. 

Er war Künstler und seine Werke gingen dir wahrlich unter die Haut. Meine Freundin zeigte mir ihr erstes Tattoo: ein indianisch aussehendes Zeichen auf ihrem Schulterblatt. Sie war absolut begeistert von dieser Art der Kunst am Körper. Hat sie wochenlang auf mich eingeredet? Oder war ich sehr spontan? Wie auch immer das vor mehr als zwanzig Jahren genau vor sich gegangen war: An einem Tag Ende August / Anfang September fand ich mich in ihrer Wohnung wieder. Ich saß in einem der beiden Zimmer auf einem Sessel und blätterte im Katalog mit Motiven für Tattoos: Mein Blick blieb an der Seite mit den keltischen Motiven hängen und ich wählte eines aus. Dann ging es los. Meine permanente Schulterbemalung war im Werden.

„Es wird nur ein bisschen kitzeln“, hatte mir meine Freundin versprochen. Als Mao die Nadel das erste Mal ansetzte, durchfuhr der Schmerz meinen Körper wie ein Blitz. Au! Und ich bin nicht gerade als wehleidig verschrien. „Magst du einen Schnaps?“, fragte sie mich. „Nein, danke. Ein Glas Wasser ist mir lieber.“ Und ich brauchte Ablenkung. Sie saß neben mir und wir redeten, um mich von diesem Pieksen am Schulterblatt abzulenken.

Wie ich die Tortur dann überstanden habe, habe ich wohl irgendwo in einem Blackout aufgrund des Schmerzes im Nebel belassen. Heute ist meine linke Schulter immer noch in blaugrün getaucht. Ich habe bewusst eine Stelle gewählt, an der die Haut auch im Alter keine übermäßigen Falten wirft oder sich extrem ausdehnen oder zusammenziehen könnte. So ist dieser keltische Dreiecksknoten noch heute gut in Form.

Ob ich es nochmals tun würde? Wohl kaum. Damals fand ich es cool, etwas exotischer zu sein als der Durchschnitt. Als wir jedoch im Sommer darauf öfter per Rad zur Donauinsel zum Schwimmen fuhren, stellte ich fest, dass diese Idee von Exotik plötzlich extrem viele AnhängerInnen gefunden hatte. Aus der Traum – es wimmelte überall von Tattoos an Oberarmen, Unterschenkeln, Schulterblättern und nicht zu vergessen, die damals stark in Mode kommenden „Arschgeweihe“.


Mittlerweile vergesse ich an den meisten Tagen, dass ich vernarbte Haut am linken Schulterblatt spazieren trage. Nur jetzt – wenn sich die Sommerhitze wieder über die Stadt legt und meine Oberbekleidung fast nur ärmellos ist, sehe ich es selbst wieder öfter – manchmal immer noch am Blick der anderen. 

09.06.17

Birmingham – wider den Schleier des Vergessens

Birmingham stand trotz meiner Allzeit-Liebe zu England nicht auf der „100 places to see before you die“-Liste. Ich hatte eine ähnliche Erwartungshaltung, als hätte ich das Ruhrgebiet als Destination gewählt, als ich im Sommer 1999 nach einem Besuch bei meiner Schwester in Harrogate (Yorkshire) mit meiner Freundin Edith* wieder weiter in den Süden fuhr. Vor dem Rückflug nach Wien wollten wir einen Zwischenstopp bei Mona* machen; eine von Ediths Freundinnen aus ihren Boy-George-Fan-Tagen, die nach England ausgewandert war.

Das Beeindruckendste an der Stadt für den Chocoholic in mir war der Besuch der Cadbury Schokoladenfabrik. Sie befand sich außerhalb der Stadt und somit artete der geplante Kurzbesuch in einen Tagesausflug aus. Ich trank dort meine erste mit Chili versetzte Original-Azteken-Schokolade und bekam sogar mehrere der heißen Kostproben, da der Besucheransturm ein kleiner war. Ich lernte auch viel über das Sozialprogramm von John Cadbury. Er ließ zuerst Häuser und später eine ganze Stadt (Bournville) für seine Mitarbeiter bauen und unterstützte sie auch in der Gesundheitsvorsorge. Das war Ende des 19. Jahrhunderts.
Und die sightseeing-begeisterte Edith nutzte jeden Winkel der Anlage zum Besichtigen und deckte sich neben vielen Informationen vor allem mit Schokolade und Keksen ein. Mich erinnert heute noch eine Blechdose mit Kuh auf unseren Besuch dort. Statt der Schokolade haben meine Armbänder und andere Schmuckstücke dort einen fixen Platz gefunden.

Ich kannte Mona nicht wirklich. Wusste nur, dass sie zu ihrem pakistanischen Freund gezogen war und mit ihm in einem Haus in dem von mehrheitlich durch Pakistani bevölkerten Stadtteil von Birmingham lebte. Und sie hatte sich bereiterklärt, dass wir bei ihr übernachten konnten. Mona holte uns vom Bahnhof ab. Ich hätte sie mit dem Tuch auf dem Kopf fast gar nicht mehr erkannt, das sie scheinbar als Schutz vor dem leichten Regen trug. Mit dem Bus fuhren wir in die Nähe ihres Wohnhauses und legten die letzten Meter zu Fuß zurück. Edith und ich hatte ein eigenes Zimmer für die drei Nächte, die wir bleiben wollten, bevor unser Flugzeug nach Wien retour abhob.

An jenem ersten Abend kochte Mona ein opulentes Abendessen für uns. Der Tisch bog sich unter der Vielzahl der Teller mit den verschiedensten Gerichten zum Kosten. Ich aß zum ersten Mal Okraschoten. Und ich lernte, wie man eine Mango wirklich isst. Voraussetzung für den unbeschreiblichen Genuss, der Käuferinnen österreichischer Supermärkte verwehrt bleibt: Sie muss sehr reif sein. Dann drückt man sie und an der spitzen Stelle tritt das weiche Fruchtfleisch heraus. So lässt sie sich gut aussaugen. Süß und ganz nach Dragee-Keksi-Art: Wenn ich nur aufhören könnt. Ich denke, dass ich drei oder vier oder waren es fünf hintereinander gegessen habe. Sie waren ja auch klein und insofern ein optimales Dessert für eine, die Obst zu ihrer Lieblingssüßigkeit erkoren hat.

Als wir unser Festmahl verschlungen hatten, trug ich unser Geschirr in die Küche. Ich drehte das Wasser bei der Abwasch auf und wollte das benutzte Geschirr reinigen, als mich Monas Lebensgefährte sanft aber bestimmt von dort wegschob und mir erklärte, dass die Arbeit in der Küche Monas Aufgabe sei. Ich verließ die den Ort unter Protest. Monas Blick war eindeutig: Lass es sein. – Okay, um des Hausfriedens willen, schwieg ich. Mit Edith beplauderte ich diesen Vorfall, sobald wir uns ins Zimmer zum Schlafen zurückgezogen hatten.

Davor hatten wir unsere erste Begegnung mit dem Badezimmer gemacht. Zwar erinnere ich mich nur noch dunkel, wie der im 1. Stock gelegene Nassraum ausgesehen hatte. Sehr gut in Erinnerung ist mir das nicht vorhandene fließende Wasser in der Badewanne des uns zugeteilten Raums für die Abendtoilette. In der Wanne stand ein Kübel, der als Dusche diente. Ich fand mich mit der Katzenwäsche ab. Ins Schwitzen kam ich in den Tagen dort ohnehin nicht – zu kühl, zu feucht – britisches Wetter eben. Aber gegen eine heiße Dusche hätte ich nichts einzuwenden gehabt, zumal es im Haus sehr kühl war und meine Bekleidung eine sommerliche.

Mona lernte Urdu und sagte uns, dass sie das Kopftuch außerhalb des Hauses freiwillig trug. Das war eine der wenigen Erklärungen, die wir von ihr hörten. Denn uns mit ihr unter sechs Augen zu unterhalten, erwies sich als schwierig bis unmöglich. Untertags arbeiteten Mona und ihr Freund. Am Abend ließ er sie quasi nicht aus den Augen. Auch einen Spaziergang durch Downtown Birmingham, das gerade frisch herausgeputzt und neu gestaltet worden war, machten wir zu viert. Saßen in einem der neu eröffneten Lokale und begnügten uns mit einem antialkoholischen Getränk ohne Eiswürfel.

Ob Monas Gefährte damals regelmäßig gebetet hat? Ich denke schon. Natürlich hat er sich nie vor unseren Augen in Richtung Mekka verneigt. In der Straße, in der die beiden lebten und auch in den umliegenden waren nur pakistanische Familien zu Hause. Auch seine Verwandten wohnten in unmittelbarer Gehdistanz. In der Haupteinkaufsstraße dieses Viertels hörte ich nur selten ein englisches Wort. Moscheen und Geschäfte wechselten einander ab. Edith sagte schon damals, dass sie nicht wissen wollte, was die Imame den Leuten dort erzählten. Ich winkte ab, sie solle nicht immer das gleich Schlechteste annehmen.

Edith und ich flogen nach ein paar Tagen zurück nach Wien. Fast hätte sich unser Aufenthalt unfreiwillig verlängert. Am letzten Tag kehrten wir von einer Shopping-Tour zum Haus zurück und wollten die Tür aufsperren. Das Schloss klemmte. Auch mit der Hilfe eines Nachbarn, der sicher kräftiger war als wir beide, gelang es uns nicht. Ich sah mich schon eine weitere Nacht in diesem für mich ungemütlichen Haus bleiben. Es war weniger der nicht reparierte Wasserhahn im Bad als viel mehr die Stimmung, die in der Luft lag, die mich möglichst rasch das Weite suchen lassen wollte.

Wir riefen Mona in ihrer Arbeit an. Sie eilte zu uns und wir konnten die Tür quasi in letzter Minute doch noch öffnen. Mona habe ich seither nicht mehr gesehen. Gerüchten zufolge soll sie mehrere Kinder haben. Ob es wirklich das Leben ist, das sie sich vorgestellt hatte, als sie Hals über Kopf Wien verließ, um sich aus den Klauen ihrer Herkunftsfamilie zu befreien, bezweifle ich. Sie wollte ihren Träumen nachjagen, England schien ihr das geeignete Pflaster dafür gewesen zu sein...


* Die Namen der Freundinnen sind geändert.

04.02.17

Meine USA

Ende August 1989 bestieg ich in London ein Flugzeug und begab mich auf den Weg nach New York. Mein Traum wurde wahr. Ich durfte endlich einen Fuß in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten setzen. Als Kind kannte ich die mehrere Millionen Einwohner zählende Stadt nur von einem Bild auf den Quartett-Karten mit den Hauptstädten der Welt. New York lag dort immer im Wettstreit mit Tokio um meine Gunst. Dass ich mich letztendlich für New York entschied, lag wohl auch daran, dass meine Eltern 1987 Fotos von ihrem USA-Trip nach Hause brachten, der sie natürlich auch nach New York brachte.

Ich erinnere mich noch gut an den Namen des Hotels, in dem ich vorerst abstieg: Omni Park Central. Weniger jedoch daran, im wievielten Stock ich gemeinsam mit einem künftigen Au Pair aus Irland und einer aus Deutschland für mehrere Tage ein Zimmer teilte. Wir drei durften uns mit vielen anderen jungen aus Europa kommenden Menschen einer Schulung des „American way of life“ unterziehen – mit besonderem Augenmerk auf den Umgang mit und die Erziehung von jungen Amerikanerinnen und Amerikanern.

Frühstück war im Preis des Au Pair-Programms nicht inbegriffen. Das mussten wir uns außerhalb des Hotels selbst besorgen. Als im Waldviertel Aufgewachsene war meine größte regelmäßig besuchte Stadt St. Pölten. Wien hatte ich ein paar Mal nur kurz gestreift – das Donauzentrum zum Einkaufen und ein Musical-Besuch. Als ich also den ersten morgendlichen Schritt vor das Hotel-Portal setzte, prägte ich mir jeden Schritt und jede Auslagenscheibe oder Hausfront auf dem Weg zu dem als Frühstückslokal empfohlenen Mc Donald’s ein, um den Weg zurück ganz sicher wieder zu finden. Ist ja auch sehr kompliziert bei diesen in rechten Winkeln angeordneten Streets und Avenues. Die weitaus größere Herausforderung war, etwas „Anständiges“ zu essen zu finden. Ich ließ das von vielen geliebte Fastfood-Lokal damals links liegen und fand eine Art Greißler, der mir mehr zusagte.

Von diesen ersten Tagen in New York blieben mir vor allem die nächtlichen Ausflüge mit den anderen Jugendlichen aus Deutschland, Irland, Schweden, Niederlande, Spanien usw. in Erinnerung: zum Empire State Building, mit der Staten Island Ferry vorbei an der Freiheitsstatue und auf den Broadway, um Cats zu sehen. Ins World Trade Center kam ich erst bei meiner zweiten USA-Reise.

Denn drei Jahre später kehrte ich in die Vereinigten Staaten zurück. Mit dem Amtrak-Ticket – vergleichbar dem Interrail in Europa – genossen meine Schwester und ich die dort grenzenlose Freiheit. Die Schienen brachten uns von Philadelphia nach Chicago, Denver, Flagstaff, Winterpark, San Francisco, Los Angeles, San Diego und New Orleans. In Houston hätten wir laut unserer Sitzplatzreservierung ebenfalls aussteigen sollen. Ein Blick in unseren Reiseführer ließ uns den Plan kurzfristig ändern. Zum Glück war auch der Zugbegleiter so flexibel und half uns, die Reservierung zu ändern – und wir fuhren von San Diego bis New Orleans durch.

Wir waren sehr sparsam unterwegs. Auch in der Nacht begnügten wir uns mit einem Sitzplatz und hatten keinen Liegeplatz gebucht. Essen kauften wir immer unterwegs und selten im Zug. In der zugeigenen Cafeteria gönnten wir uns maximal Kaffee oder Orangensaft. Den trugen wir zum Panorama-Waggon, der auf manchen Streckenabschnitten zur Zuggarnitur gehörte. Dieser Waggon hatten extra große Fenster, die fast bis zum Boden reichten und es gab mehrere lehnstuhlartige Sitze, die man in mehrere Richtungen drehen konnte. So war der Blick auf atemberaubende Landschaften frei für die alles aufsaugenden Blicke zweier junger Europäerinnen.

Wir waren damals nicht die einzigen Reisenden. In manchen Jugendherbergen wurden wir schon begrüßt mit: „He, ihr seid ja die zwei Österreicherinnen, die immer laufen gehen.“ Die uns bekannte Welt war sicher und verbunden. Irgendwie schaute man auf einander. Die Ängste der Taxifahrerin in New Orleans konnte ich nur bedingt nachvollziehen: „Wenn ihr meine Töchter wäret, würde ich euch nicht so mutterseelenallein hier in der Nacht herumgehen lassen.“ Zum Glück haben wir ihr verschwiegen, dass wir uns kurz vorher in einem „No Go-Viertel“ laut Reiseplaner verirrt hatten. Allerdings war New Orleans die einzige Stadt, in der wir uns zwei Mal ein Taxi gönnten. Als wir mit dem ersten vom Bahnhof losfuhren, wussten wir noch nicht, dass wenige Minuten früher vor der Tür unserer Jugendherberge tödliche Schüsse gefallen waren. Als junge Erwachsene fühlst du dich unsterblich – irgendwie.

Von New Orleans fuhren wir ohne weiteren Zwischenstopp zurück nach Philadelphia. Dieses eine Monat unterwegs quer durch Amerika ließ uns wohl ein wenig „hilfsbedürftig“ aussehen. Wie sonst ließe sich erklären, dass ein amerikanisches Ehepaar darauf bestand, uns ein Abendessen im Speisewagen zu zahlen. Vielleicht war es aber auch einfach nur Interesse, mit zwei Österreicherinnen zu plaudern. Denn eines hatte ich bemerkt, die meisten Menschen, mit denen ich bei meinen zwei Ausflügen über den Atlantik zu reden kam, hatten die USA nie verlassen.

Es war mir egal, wer damals als Präsident an der Spitze der Vereinigten Staaten stand. Zwar herrschte noch der Kalte Krieg, doch war die Weltlage halbwegs stabil im so genannten Gleichgewicht des Schreckens. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, einmal wieder hinüberzufliegen. Mir endlich die noch auf meiner Liste fehlenden Orte anzusehen: die Everglades in Florida, Cape Canaveral usw. Das scheint mir in den nächsten vier Jahren unmöglich zu sein. Es sei denn, es geschieht ein kleines Wunder, das den USA einen neuen progressiveren Präsidenten beschert und der Welt ermöglicht, wieder aufzuatmen und nicht in Schockstarre oder Schlimmerem zu versinken. 

10.12.16

Hirschbach

Im Waldviertel sagen sich schon lange nicht mehr Fuchs und Hase gute Nacht. Längst haben Schreibende und Malende diesen Flecken Erde für sich erobert, als das optimale Refugium erkannt, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen oder die Kräfte wieder neu aufzutanken.

Einen Schriftsteller hat es in mein Heimatdorf verschlagen. Als ich noch dort lebte, gab es nur wenige Wochenend-WienerInnen, die pünktlich am Freitag Abend ihr Auto vor dem gekauften Häuschen parkten und sich am Sonntag Abend wieder voll bepackt auf den Weg zurück nach Wien machten. Einer von ihnen kam vom Rennbahnweg. Er saß oft in einem der Wirtshäuser und sein Ur-Wienerisch war für meine Waldviertler Ohren gewöhnungsbedürftig.
Ein anderer galt als verschrobener Einzelgänger und hatte einen Doberman im Garten, vor dem ich mich fürchtete, auch wenn er immer hinter dem Zaun war. Im Dorf wurde gemunkelt, dass er manchmal drüber sprang. Also besser Augen zu und vorbeigehen. Es gab nie einen erwähnenswerten Zwischenfall. Ihm folgte ein weiterer Doberman nach, der als nur halb so wild galt. Auch wurde ich älter und weniger furchtsam gegenüber von „scharfen Hunden“.

Wieder andere Wahl-WaldviertlerInnen haben sich in der Pension fix draußen niedergelassen und sind mittlerweile im Dorfleben gut verankert. Um Teil des lokalen „Gerichts“ zu werden, braucht es am Land die eine oder andere Zutat: Der Mann wird Feuerwehrmann – was jedoch eher den Einheimischen vorbehalten bleibt denn den „Zuagrastn“ zugestanden wird. Oder man geht zum Sportverein, wo die Durchlässigkeit für „Legionäre“ schon größer ist. Die dritte Variante – man engagiert sich in der Kirche. Dort wird jede und jeder bereitwillig aufgenommen, zumal die Schäfchen auch am Land verloren gehen.

Sogar der nach der Messe obligatorische Gang zum Frühschoppen wurde aufgelockert. Früher war der Gang zum Wirten den Männern vorbehalten, um in Ruhe ein Seidl oder Krügel zu trinken, bevor sie heim zu Frau und Kindern zum Mittagessen gingen. Heute gehen die Frauen mit und trinken eine Melange anstelle des Bieres, die Männer ebenso. Der Kaffee ist meist in einer Santora-Tasse, die noch aus den 1980er-Jahren stammt und ein fast zeitloses Design ihr eigen nennt, hat sie doch den Jahrtausendwechsel schadlos überstanden.

Als ich letzte Woche mit Mann und Kind von einer spontanen Hausbesichtigung in Hirschbach zurückkam, versuchte ich mich als zukünftige Hausbesitzerin und oben genannte Wochenend-Wienerin  in einer Gemeinde zu sehen, die meiner eigenen nicht unähnlich war. Okay, Hirschbach hat einen roten Bürgermeister und ein Schloss. Das gab und gibt es bei uns beides nicht. Alles andere ist fast ident: Greißler, Feuerwehr, Sportplatz für Fußball und Tennis, Dorferneuerungsverein etc.

Wir stiefelten letzten Samstag bei Eiseskälte durch drei Häuser und beäugten die überaus kostengünstigen potenziellen zukünftigen Bleiben. Zwei davon lagen am Schlossplatz gleich neben der Kirche und hatten mehrere hundert Jahre Bestehen in ihren Mauern. Die dazugehörigen Gärten waren klein aber fein und in einem gab es sogar einen Apfel- und einen Birnbaum. Das wäre ein fast unschlagbares Kaufargument gewesen.

Nach einer Woche Bedenkzeit mehrten sich die ersten Zweifel: Will ich in eine Idylle zurückkehren, die ich lediglich in nostalgischen Gedanken an die Vergangenheit als eine solche definiert hatte? Und vor allem: Sah ich mich wirklich als Pendlerin zwischen Wien und Hirschbach? Nicht Fisch, nicht Fleisch für mehrere Jahre – das Wochenendpendeln hatte ich mich schon in meinen Zwanzigern eher unrund gemacht.

Und ist Hirschbach im Waldviertel der richtige Ort, um den eigenen Sohn möglichst liberal aufwachsen zu lassen? Denn geplant hatten wir, nach vier Jahren ganz draußen zu bleiben. Da hätte er die Volksschule in Wien hinter sich. Als „Bobo-Mama“ habe ich ihn für eine Montessori-Klasse in einer Ganztagesschule in unserem Bezirk angemeldet. Etwas Vergleichbares im Waldviertel zu finden: Ich wüsste nicht, wo ich zu suchen anfangen sollte? Will ich ihm die Chance auf die Offenheit „vermöbeln“, indem ich ihn in eine Enge zwinge, der ich einst unbedingt entfliehen wollte!?

Vielleicht wäre es auch umgekehrt gekommen: Er wäre das glücklichste Kind auf diesem Planeten geworden und hätte sich nur ungern an seine Kindergartenzeit in Wien erinnert. Wir werden es wohl nie erfahren. Denn die Entscheidung fiel gestern: gegen Hirschbach und für das Weitersuchen nach einem größeren Wohnraum in Wien und Umgebung – in der Hoffnung, dass russische Oligarchen und ihre Ehefrauen bzw. andere Neureiche nicht die letzten noch verbleibenden leistbaren Orte unbezahlbar machen. 

06.11.16

Haare lassen

Die Haare sind zu lang, werden zu den Spitzen hin dünner und dünner. Und generell fehlt ihnen nach dem letzten Touchieren der Spitzen jegliche Fasson. Also war es an der Zeit, bei Christian anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Der Blick in den Spiegel ist derzeit nur bedingt freudvoll. Okay, die Ränder unter den Augen waren des Morgens auch schon mal weniger tief. Dagegen kann er allerdings nichts tun.

Christian halte ich seit sechzehn Jahren die Treue. Zwei bis drei Mal pro Jahr fahre ich in den sechsten Bezirk und unterhalte mich über Fernsehserien, Kinofilme, Rennradfahren und vegane Ernährung. Währenddessen fallen die Haare zu Boden – mal nur zwei Zentimeter, mal ganze zwanzig. „Spitzen streicheln“ nennt es mein Mann, wenn ich mit nur einem Zentimeter weniger nach Hause komme. Zu viel mehr ringe ich mich nur selten durch.

Dass unser Sohn wie Christians Erstgeborener heißt, das ist ein Mittelding von Zufall und Absicht. Wir suchten nach einem männlichen Pendant für Alana und stießen bei unseren Recherchen auf Colin. So ein Friseurbesuch kann langfristige Folgen haben. Auf vegane Ernährung bin ich allerdings noch nicht umgestiegen.

Vor Christian wechselte ich meine Haarschneider in Wien etwa alle halbe Jahre. Im Waldviertel war das anders. Da wurde ich erst zwanzig, bevor ich den ersten Friseursalon von innen sah. Als meine Geschwister und ich Kinder waren, rückte meine Mutter regelmäßig mit der Schere an und stutzte uns die Haarpracht – ohne Lineal, ohne Ausbildung und zum Glück nicht mit der Schneiderschere.

Ich bewunderte stets die Mädchen mit langen Haaren und geflochtenen Zöpfen. Zu gerne hätte ich auch so einen den Rücken bis zum Po hinunterbaumeln gehabt. Es blieb beim Wunsch, denn lange Haare machten angeblich viel zu viel Mehrarbeit. So in etwa hieß es, sobald meine Haare sanft die Schultern streichelten.

Als ich vom Kind zum Teenager heranreifte, – wir schrieben die 1980er-Jahre – kam der unbedingte Wunsch nach einer Dauerwelle. Ich hatte meine erste – glaube ich mich zu erinnern – mit elf oder zwölf. Sie entsprach allem, nur nicht meinen Erwartungen von schönem lockigem und vollem Haar. Eine Frau aus dem Dorf, die sich ihren Lebenstraum als Friseurin im Keller ihres Hauses verwirklicht hatte, rührte die Paste, verteilte sie in meinem Haar, ließ sie einwirken, nachdem sie die Haare auf eine ortsübliche Länge (Kurzhaar war damals sehr angesagt) zurecht geschnitten hatte.

Ich war mit ihrer Tochter und Stieftochter befreundet – und so gab es, wenn die Mädels dabeisaßen, stets etwas zu bereden. Über den nächsten Discobesuch, das letzte  Feuerwehrfest, die Fußballer des SV Pölla und weiteren Klatsch und Tratsch, der für Teenager in unseren Breitengraden von immenser Bedeutung war.

Natürlich machte ich auch mit, als die genannten Töchter ihre wasserstoffblondierte Strähnchen-Phase hatten. Dieses Blond war die damalige It-Farbe; zumindest in Österreichs kaltem Norden, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen und die Novembernebel stets lange und tief in den Gräben hingen. An der Düsternis im Spätherbst hat sich bis heute nichts geändert. An den Farben und Frisuren der Frauen auch nicht allzu viel.


Heute lasse ich nur noch Wasser und Shampoo in meine Haare – und Christians Schere. Jegliche Farbgebung und Wellenbewegung interessiert mich nicht. Auch wenn sich bereits die ersten weißen Haare zeigen. Wenn sie mehr werden, dann komme ich eben in die „graue Phase“ meines Lebens. Künstlich einen Schein zu wahren, liegt mir nicht. Bei meinem Besuch in den nächsten Tage in seinem Studio werden wir sicher wieder einiges zu reden haben. Wer weiß, vielleicht wirkt sich das Haareschneiden diesmal nachhaltig auf die künftige Wohnsituation aus.

12.07.16

Britische Annäherung

Im Sommer 1986 kam Claire Smith aus Manchester zu mir ins Waldviertel. Der Kulturschock war ihr damals nur dezent ins Gesicht geschrieben. Von einer Stadt, die auch so manche Pop-Gruppe hervorgebracht hatte in ein 250-Menschen-Dorf ist nicht ganz ohne. Hier wurde nicht in jedem Wirtshaus am Abend die Gitarre gezückt und Musik gemacht. Frauen und Mädchen waren generell eher selten gesehene Gäste beim Dorfwirt. Außer nach dem Fußballmatch der heimischen Mannschaft. Da saßen dann alle: Männer und Frauen, Burschen und Mädchen in unmittelbarer Nähe eines Zapfhahns und auch am Stammtisch. Für die Kleinen gab es Bensdorp-Schokoriegel in blau und grün oder Manner-Schnitten zum Obi.

Zurück zu Claire: Sie verließ meine Ex-Heimat mit ein paar neuen Geschmacksrichtungen am Gaumen: Grillhendl und Bratlfettn etwa. Und als Deutsch-Studierende auch mit ein paar nicht in der Schule gelernten Wörtern auf der Zunge wie Leitn für Abhang oder heigna für heuen. Und bekam zu spüren, dass der eiserne Vorhang gefühlt unmittelbar neben unserem Dorf begann: Der Truppenübungsplatz war eine „natürliche“ Barriere in den Norden.

Möglich gemacht hatte unsere zwei Jahre dauernde Bekanntschaft ein Schüleraustauschprogramm. Ich war meinen Eltern damals lange genug in den Ohren gelegen, dass ich nach England musste, sonst wäre es um mein künftiges Wohlergehen geschehen. Denn ich wollte unbedingt anwenden, was ich in der Schule gelernt hatte. Hing ich doch von der ersten Englisch-Stunde an meiner Professorin im Gymnasium an den Lippen. Sie verwendete nie eine deutsche Silbe im Unterricht und lehrte den britischen Akzent. Im Waldviertel selbst bot sich wenig Gelegenheit, mit native speakers zu plaudern. Also blieb mir nur der Weg über den Kanal.

Was ich als erstes lernte, als ich ein Jahr später britischen Boden betrat: Die englische Küche ist durchaus genießbar, wenn die Gastfamilie einen Faible für Italien hat. Es gab oft Pasta und niemals fish&chips zum Abendessen. Und am Nachmittag gegen fünf trank ich mit Claires Dad einen Instant-Kaffee und aß dazu Baguette mit Tomate und Käse – nix mit Earl Grey und Gurkensandwich.

Meine Gastfamilie wohnte in einem Vorort von Manchester namens Cheadle Hulme. Dort ging ich das erste Mal zu einem Mc Donalds und ließ den Vanilla-Shake nach ein paar Schlucken stehen. Er war mir, die ich noch nie Fastfood gegessen hatte, viel zu süß. Mit ihrer Oma trafen wir uns einmal im Pub zum Mittagessen. Für einen Abendbesuch hatte ich noch nicht die notwendigen Jahre. Ale und Lager waren sowieso nicht meines. Und Cider kannte ich noch nicht einmal vom Hörensagen. Ich sah meine ersten Mumien, als wir durch Manchesters Museen streiften und kam auf dem Rücksitz der Familienkutsche bis nach Wales. Ich lernte außerdem, dass es Mandschasta hieß und nicht Mendschesta. Am Ende der zwei Wochen träumte ich sogar schon auf englisch.

Worüber ich mich wunderte: Über Menschen in Shorts, Röcken und T-Shirts ohne Socken und Strümpfe bei Temperaturen unter 20 Grad. Darüber, dass alle – fast alle – schlank waren; egal ob alt oder jung. Wenn ich da an die BesucherInnen von den Cafe-Konditoreien in Österreich dachte... kein Vergleich.

Seither war ich noch fünf Mal auf der britischen Insel. Drei Mal besuchte davon meine Schwester, die England als neue Heimat gewählt hat. Morgen Mittwoch startet der siebte Ausflug – mit dem Auto quer durch Europa. 1987 war Österreich noch weit davon entfernt, Mitglied der EU zu werden. Heute steht Großbritannien vor dem Austritt. Das obligatorische Geldwechseln blieb über die Jahre gleich.


Ob mein Sohn einmal uneingeschränkt durch Europa wird reisen können, wenn er – so wie ich damals – 16,17 sein wird? Schwer zu sagen. Derzeit stehen die Zeichen auf mehr Unfreiheit als ich als „Kind des Kalten Krieges“ je zu befürchten wagte.

07.05.16

Deutsche Sprache - schwere Sprache

Ich erinnere mich noch an jenen Tag, als ich nach den verspielten vier Jahren Volksschule erstmals die nach Plastikböden riechenden Gänge des Gymnasiums in Horn durchschritt. Und auch an meine Verwunderung über den im braunen Arbeitsmantel erscheinenden Deutschprofessor mit dicker Hornbrille und dunklen, schon schütter werdenden Haaren. Er war nicht der einzige mit Arbeitskittel. Unsere Mathematikprofessorin hatte einen in blau. Mich hatte diese Dienstkleidung schon damals verwundert. Er wirkte auf mich wie ein Schutzmantel vor aufmüpfigen Kindern und Teenagern, um die eigene Grenze und die Autorität zu schützen.

Besagter Mann in braun erkor schon in den ersten Stunden seine Lieblinge in der 1A aus. Ich gehörte nicht dazu, denn ich wusste ja nicht einmal, dass man die persönlichen Fürwörter abwandeln konnte. Das hatte ich in meiner Waldviertler Volksschule nicht gelernt. Und dass ihm das gar nicht gefiel, unterstrich er mit seinem Lieblingssatz, der nur aus vier Worten bestand und sein Missfallen auf eine sehr unpädagogische Art ausdrückte, die er mir mit ernstem Gesicht unter die Nase rieb, während er die Note für die in seinen Augen wahrhaft schlechte Wiederholung des Gelernten in sein Notizbuch schrieb. Ob er grammatikalisch als Satz durchgeht, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Er lautete: „Ziegelwanger, setzen, nicht genügend.“

Womit uns der Herr Professor immer wieder zu sich nach vorne an die Tafel lockte, waren die korrekt auswendig zu lernenden Merksätze der deutschen Grammatik. Sie brachten sowohl mich als auch einige MitschülerInnen vor der Deutschstunde regelmäßig ins Schwitzen. Diese Merksätze hatten rot umrandet zu sein. Zum Glück, denn so fand ich sie schneller im Schulübungsheft, um sie mir vor dem Unterrichtsstart nochmals in Unruhe durchzulesen.

Man darf meinem Professor zugute halten, dass wir nicht nur auf deutsche Grammatik gedrillt wurden, sondern auch Gedichte von Goethe, Schiller und Rilke auswendig lernen durften. Eines, an das ich mich immer erinnern und mit ihm und seinen Namen verbinden werde ist Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“:

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Warum? Mein Deutschprofessor hieß Walla im Nachnamen. Und dieser Auszug aus dem Gedicht diente meinen MitschülerInnen und mir als Erkennungszeichen, wenn er sich der Klasse näherte.

Als ich in diesen ersten Jahren sämtliche meiner Schwächen in der deutschen Grammatik aufgrund der kalten Angstschweiß in den Händen auslösenden Stundenwiederholungen ausmerzte, war es danach der Ausdruck, der ihn meine Schularbeiten seitenweise rot unterwellen und ihn maximal ein Befriedigend unter meine Texte kritzeln ließ.

Derart geprägt ließ ich Literatur und Bücher lange Zeit links liegen. Für die Matura in der Handelsakademie hatte ich zwar eine Leseliste abgegeben, doch maximal die Zusammenfassungen einmal überflogen. Was bei einer schriftlichen Deutschmatura zu einem Wirtschaftsthema nichts zur Sache tat. Zum Glück.

Ist Kritik und Angst das geeignete Mittel, um das Beste aus seinen SchülerInnen herauszuholen? Ich wage es zu bezweifeln. Mehr als dreißig Jahre später bin ich über den Schatten seines Arbeitsmantels gesprungen und habe erstmals an einem Literaturwettbewerb teilgenommen. Natürlich ist das Abgeben eines Textes allein kein Beweis für inhaltliche Brillanz und stilistische Reife.

Und doch ist es ein wenig, als hätte ich ein Korsett abgestreift, das anzulegen keinesfalls aus freiem Willen geschah, sondern ein Erwachsener mir übergestülpt hatte. Und da war und bin ich bis heute kein Einzelfall. Letztendlich können solch prophetische Urteile über junge Menschen fatale Folgen haben: Die einen beugen sich dem Urteil, die anderen treten den oft sehr schwierigen Gegenbeweis an.

Es geht mir nicht um eine Abrechnung mit meinem ersten Deutschprofessor, auch wenn ich mich in den letzten zehn Jahren immer wieder mit meiner Schreibgeschichte auseinandergesetzt habe.  Das einzige, was heute für mich zählt: Mir macht das Schreiben mehr und mehr Spaß. Und vor allem war es mir eine Freude, an besagter Kurzgeschichte zu arbeiten, die ich wirklich zu einem Zweck und nicht für die Schublade geschrieben habe; wie einige andere seit 2010, die dort hoffentlich nicht verstauben sondern nur auf das Überarbeiten warten. 

09.04.16

Senf ist meine Marmelade

Samstag war Würsteltag. Frankfurter mit Semmel und Senf. Gefühlt jeder zweite Samstag – also fast immer – war es das Familienmahl meiner Kindheit am Abend. An vielen anderen Samstagen gab es Schweineschwarte; vor allem dann, wenn der Nachbar gerade wieder mal ein Schwein geschlachtet hatte.

Es war zu jener Zeit, als ich VegetarierInnen nicht einmal vom Hörensagen kannte. Und Senf traditionell nur zu Fleisch und Wurst gereicht wurde. Ketchup war bei uns ein Luxusgut, das sich weder im Kühlschrank noch in der Speisekammer fand. Der Mayonnaise erging es ähnlich. Sie fand keine Heimat im Haus meiner Eltern. Also aßen wir die Würstel mit Estragon oder Kremser Senf. Zweiter war mir damals schon nicht geheuer und ist es bis heute nicht. Daran sind nicht die vielen Pünktchen im Senf Schuld. Es ist der süßliche Geschmack, der mich irritiert.

In Wien wurde ich zur Vegetarierin. Doch was macht man mit Senf ohne Würstel; vor allem, wenn man Tofuwürstel aus Prinzip verweigert? Und der Senf sich auf gegrillten Tomaten oder Zucchini oder Tofu nicht sonderlich gut als Begleitung macht? Nichts. Ihn einfach vom Speiseplan verbannen.

Bis ich bei einer Freundin einen Salat aß, dessen Marinade mich über die Maßen faszinierte. „Was ist da drin?“ – Sie sagte: „Salz, Pfeffer, Olivenöl, Balsamicosessig, ...“ Ich dachte: So weit, so bekannt. „...und Senf“, sagte sie weiter. „Aha.“ Und damit war mein Lieblingsdressing geboren. Den Pfeffer ersetzte ich irgendwann durch Galgant. Seither liegt immer eine Tube Estragon Senf im Kühlschrank. Der lässt sich bei Heißhunger auf Würziges hervorragend naschen, falls sonst gerade nichts zu Hause ist. Wahlweise mit oder ohne Brot, wovon eigentlich immer ein Stück in der Brotlade liegt. Soviel zum Nutzen von Senf bei sich vegetarisch ernährenden Menschen.

Hingegen schienen Senf und bio lange ein Widerspruch zu sein. Und dann brachte „Ja, natürlich“ einen im Glas auf den Markt. Den musste ich probieren: Auf einen kleinen Espresso-Teller quetschte ich den Rest der Estragontube, auf einen zweiten platzierte ich einen gegupften Löffel vom Biosenf. Ein Unterschied war gleich sichtbar. Der Tubensenf wirkte weicher und flüssiger, der Biosenf etwas fester.

Beim Kosten war mir rasch klar, dass ich wohl kein Fan des Biosenfs werde. Viel zu süß. Und die Konsistenz auf der Zunge erinnerte eher an Mayonnaiseaufstrich. Die Schärfe ist nur angedeutet und verliert sich rasch völlig. Als ich die Liste der Zutaten überflog, blieben meine Augen beim Zucker hängen. Wozu Zucker in einem Senf? Das ist ja kein Ketchup. Ich fand heraus, dass auch im Estragon Zucker drinnen ist – allerdings etwa nur die Hälfte der Menge im Vergleich zum Biosenf. Noch gab ich nicht auf. Ich verwendete einen großzügig befüllten Löffel für mein Salatdressing. Hier schmeckte ich fast keinen Unterschied. Dennoch war das Dressing süßer als gewohnt.

Ich ließ dann auch eine Freundin die Probe aufs Exempel machen. Nicht, weil ich meinem Urteil nicht vertraue, sondern weil ich – wie auch in anderen Fällen – gerne noch eine zweite Meinung habe. „Das riecht wie der Gurke-Ei-Aufstrich vom unaussprechlichen Brötchenschmierer. Auch ihr fehlte die erwartete Schärfe eines Estragonsenfs. „Wenn ich den zu Würsten esse, brauche ich noch Kren dazu“, lautete ihr Kommentar. Mein Mann fand ihn zu fettig. „Der schmeckt wie eine Mayonnaise.“ Auch ihm war er zu süß für einen Estragonsenf. Unser Fünfjähriger verweigerte das Kosten – wie bei jedem anderen Senf und prinzipiell fast allem, das wie Gemüse aussieht und schmeckt.

Mein Fazit: Der Biosenf von „Ja, natürlich“ wird sich nicht in die Palette meiner Lieblingsprodukte dieser Biolinie einreihen. Die mayonnaise-artige Konsistenz und der viele Zucker sind nicht das, was ich mir von einem Senf erwarte. Schade, denn eigentlich hatte mich auf einen Biosenf schon lang gefreut.

23.03.16

Kaffeemeditation

Gab es ein Leben vor dem Kaffee? Möglich. Erinnere ich mich daran? Nur mäßig. Klar im Gedächtnis hingegen sind die Filterkaffeemaschinen aus meiner Kindheit, die in fast jedem Haus standen. Zuerst ein Melitta-Filterpapier, dann ein paar Löffel zuvor frisch geriebener Bohnenkaffee und ein paar Löffel Feigenkaffee. Fertig war der Blümchenkaffee, den sogar wir Kinder trinken durften. Koffein kam nur in Spuren vor. Der Herzschlag blieb in seinem Rhythmus. Und alles ging langsam. Auch das Tropfen des braun gefärbten Wassers in die gläserne Filterkanne. Kaffee blieb ein Luxusgetränk, das es nur am Samstag und Sonntag zu trinken gab. Unter der Woche war die Welt ein Früchtetee.

Erste Ausbruchsversuche aus diesem Trott machte ich in den letzten beiden Jahren der Handelsakademie. Wenn ich an Samstagen direkt vom Autobus in das Cafe-Espresso Mu ging, dort meine SchulfreundInnen traf und eine Melange ohne Blümchen aber mit Schlagobers trank. Derart aufgeputscht war auch das Business-Englisch erträglich, das uns in der ersten Stunde erwartete. Wirtschaftsartikel aus dem Time-Magazin zu übersetzen, gehörte nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, auch wenn es mir leicht fiel.

Der aus meiner Vorliebe für die englische Sprache logische Schritt war, in die USA zu gehen und dort als Au Pair zu arbeiten. „Warum gibt es bei uns zu Hause eigentlich keine Refills?“, frage ich mich gemeinsam mit einer aus Deutschland dort zur Freundin gewordenen jungen Frau, wenn wir des Abends bei der x-ten Tasse Kaffee im Denny’s saßen und dazu „applestrudel with vanilla ice-cream“ aßen. Das war die letzte Geburtsminute einer „Kaffee-Süchtigen“.

Zurück in Österreich konnte ich folglich nur in Wien leben; der Stadt der Kaffeehäuser. Und dass Kaffee ins Alltagsleben jeder ordentlichen Büro-Arbeiterin gehörte, erfuhr ich gleich bei meinem ersten Job im Vienna Plaza. Kaffee gab es dort jederzeit verfügbar in der Kantine im Keller. Ein Druck auf den Knopf und fertig.

Und dennoch: In meiner Wien-Zeit übte ich mich immer wieder mal im Widerstand gegen den Koffein-Wahn. Länger als ein paar Wochen hielten meine kaffeefreien Phasen selten an. Zu gut schmeckte der Latte macchiato, den ich in meinem Lieblings-Cafe trank und währenddessen an meiner Diplomarbeit schrieb.

Auch jetzt steht eine Tasse Kaffee neben mir. Ohne Koffein-Kick zu schreiben, geht fast gar nicht. Oder nur in Ausnahmefällen. Da habe ich wohl auch zu viel Simone de Beauvoir gelesen, deren Lieblingsplatz das Café de Flore war, und die auch oft das Schreiben, Denken und Reden mit dem Kaffeetrinken verband.

Koffein öffnet den Geist, lässt die Gedanken klarer werden und hilft, fokussiert zu bleiben. Zwar werde ich mich nie in die Reihe der Wiener Kaffeehausliteraten einreihen: Einerseits, weil ich kein Mann bin und andererseits, weil mir ein Joseph, Rochus, eine Urania oder Hidden Kitchen lieber sind als ein Prückel, Griensteidl, Landtmann oder Eiles. Das etwas verstaubte Image des typischen Wiener Cafes liegt mir ebenso wenig wie der Geschmack der dort kredenzten Kaffee-Varianten. Latte macchiato? Hm. Sojamilch? Sicher nicht.

Eine, maximal zwei Tassen am Tag. Mehr ist derzeit aus gesundsbewussten Überlegungen nicht drin. Vorbei sind die Zeiten, da ich fünf bis sechs Kaffee am Tag trank und auch am Ende einer durchtanzten Ballnacht noch eine Melange im Gasthof trank. Diese Minimalisierung des Koffeins befürwortet auch mein TCM-Arzt, der dabei jedoch beide Augen zudrückt, damit ich nicht sehen kann, wie er sie innerlich verdreht.

Und dennoch: Jeder Mensch sollte – finde ich – mindestens ein kulinarisches Special haben, dem er sich voll und ganz verschworen hat. Sei es der Kaffee, der Wein, die Schokolade oder was anderes. Das Leben ist zu kurz, um sich ständig den Kopf darüber zu zerbrechen, ob das nun gesund oder gut sei oder ob ich die Erwartung einer 25 Jahre andauernden Pensionszeit damit um einige Monate schmälere.

Außerdem kann Kaffee beim Meditieren helfen. Sagen einige. Andere sagen das genaue Gegenteil. Wobei das Beobachten des durch den Filter tropfenden Kaffees den Atem beruhigt und dich ganz auf das Hier und Jetzt und Bald-ist-es-soweit fokussieren lässt.