04.05.15

Fünf-Uhr-Tee


Am gestrigen Sonntag Abend bestand unser Sohn auf ein lieb gewonnenes Ritual: Wir schauten gemeinsam vor dem Einschlafen Youtube. Dort baut der Brick-Builder unter Musikbegleitung und ohne gesprochene Worte Lego-Bausätze zusammen. Ein Teil fügt sich fast nahtlos in den anderen. Die Kinderaugen unseres Lego-Fans schauten gebannt auf das Display des Handys. Die heutige Musik sagte ihm nicht sonderlich zu, mich beamten einige Sequenzen zurück in die 1990er-Jahre: zum Fünf-Uhr-Tee ins Xanadu.

Vor mehr als zwanzig Jahren kehrte ich um jene Tageszeit, zu der ich gestern diese Zeilen schrieb, von der Disco in Horn ins Elternhaus zurück. Zwischen fünf und sieben gab es zwei Getränke zum Preis von einem. Manchmal standen vier Cola-Rot an meinem Platz an der Bar; oft auch unbeaufsichtigt. Es gab keine Angst vor k.o.-Tropfen in einem stehen gelassenen Getränk. Heute würde ich weder meinen Orangensaft herrinnenlos stehen lassen noch einen Rotwein mit Cola verpanschen. Die Zeit von sieben bis kurz vor neun verbrachte ich meist auf der Tanzfläche; selten beim Wuzler im „Extrastüberl“ des Xanadus. Und an sommerlichen Tagen oft im Gastgarten vom Hutececk, der noch heute zu Fuße der Rosenburg liegt und damals für seine Bierwürstl bekannt war.

Um neun musste ich zu Hause sein und den von unserem Papa einmal so titulierten „Matratzenhorchdienst“ antreten. Sprich: Unausgeschlafen am Montag in die Hak zu torkeln, kam nicht in Frage. Um dem Folge zu leisten, bedurfte es eines – jetzt im Nachhinein feststellbaren – organisatorischen Aufwands: Wie komme ich ins Xu? Und wie rechtzeitig wieder nach Hause? Tatsächlich fand sich immer ein Weg oder anders gesagt: eine Mitfahrgelegenheit in einem Auto. Mit dem Lover einer Freundin oder dem der Schwester oder einem mir bekannten jungen Mann, der noch Platz hatte und in die gleiche Richtung fuhr. So dünn besiedelt, wie es immer heißt, war das Waldviertel in meiner Jugendzeit scheinbar gar nicht.

Und manche Gepflogenheit aus jenen Tagen habe ich in mein heutiges Leben mitgenommen: Das Organisieren von Mitfahrgelegenheiten ist für mich als aus ökologischen Gründen nicht Auto fahrende Frau immer noch ein Thema. Hingegen habe ich dem Alkoholgenuss abgeschworen; zumindest diesen angeblich Eisennägel zersetzenden Mischgetränken, die wir uns damals zu viert (zwei Freundinnen, meine Schwester und ich) durch die Kehle rinnen ließen.

In England, wo meine Schwester seit 1999 lebt, verbindet man mit dem Fünf-Uhr-Tee eine andere Tradition, als mit Alkohol gefüllte Gläser an der Bar zu einem günstigeren Preis zu ordern. Langsam komme ich in das Alter, in dem ich sonntags um fünf lieber an meinem Roiboos-Tee nippe, als mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich am Abend mit meinem Mann ins Kino gehe. Wobei spontane Kinoausflüge dank vierjährigem Sohn ohnehin relativ unmachbar sind.
Und mit der eigenen in wenigen Jahren wieder gewonnenen Freiheit in der Zeit rücken zugleich jene Tage näher, an denen der heute noch Kleine sich am Sonntag verabschiedet und hoch und heilig verspricht, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Was er unterwegs dann tut, will ich gar nicht so genau wissen. Meine Eltern haben uns auch nie gefragt. Und meine Phantasie wird ohnehin mit mir durchgehen.

17.04.15

Geisterstunde


Das Haus meiner Eltern ist zweigeteilt. Wenn ich mit Mann und Kind zu Besuch bin, können wir drei uns auf beide „Trakte“ verteilen. Unser Sohn schläft dann im in den 1970er-Jahren neu dazu gebauten und wir beide wandern durch eine Schiebetür in den alten Teil des Hauses, den mein Opa und meine Oma nach dem Krieg gekauft haben. Aus dem typischen kleinen ebenerdigen Waldviertler Giebeldachhäuschen wurde ein einstöckiges Gebäude. Unser Sohn kann die Nähe zu seinen Großeltern ungestört genießen. Mein Mann und ich nächtigen im Schlafzimmer meiner Großeltern.

Neben dem Fenster hängt das Hochzeitsbild der beiden. Sie waren damals ca. 25 und 30 Jahre jung. Das Bild ist in Farbe; nachträglich coloriert, so wie damals viele Bilder. Denn eigentlich gab es meist nur schwarz-weiß-Fotografie. Das Hochzeitshemd meines Opas ist aus einem Leintuch geschneidert. Festliche Kleidung war in den Nachkriegsjahren Mangelware. Wo meine Oma ihr Kleid herhatte, weiß ich nicht. „Ich habe alles vergessen“, sagte sie mir auf viele meiner Fragen vor einem Jahr. Auch wie, wo und wann sie Opa kennengelernt hatte. Darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Denn auch mein Papa, der Älteste von vier Kindern, weiß nur teilweise Bescheid. Doch weiß er Geschichten zu erzählen wie etwa jene, dass mein Opa eine Herdplatte aus der Küche abmontiert hatte, weil ein Kunde gerade eine brauchte und er keine im Lager hatte. Auto besaß er lange Zeit keines. Er fuhr mit dem Motorrad zu seinen Kunden. Kabelrollen geschultert und den Werkzeugkoffer am Sozius verstaut. Das war der Beginn seines Unternehmerdaseins als Elektriker.

Irgendwann expandierten sie auf Drängen meiner Oma und mieteten einen Standort in Horn, in der Bahnstraße 30. Einmal pro Woche, wenn meine Mutter auf der Post arbeitete, fuhr ich mit. Ich war damals etwa vier. Ich erinnere mich an mein Kakaoflascherl, das stets mit dabei war. An das obligatorische Mittagessen im Gasthaus Blie, das in meinem Fall stets aus Fritattensuppe und zwei Marmelade-Palatschinken bestanden hatte. Auch habe ich die Berge von Papier auf dem Schreibtisch und die Rechenmaschinen, die noch mehr Papier produzierten, noch immer vor Augen. Die Holzfurnier der Schreibtische verschwand gänzlich unter den Zahlenrollen, Ordnern, Kassabüchern und Ähnlichem. Ob ich damals schon beschlossen habe: „Nein, ich will nicht im Büro arbeiten und meine Zeit mit Zahlen verbringen!“? Ich glaube nicht. Denn mit Geldverdienen brachte ich dieses Tun damals sicher nicht in Verbindung; zumal ich an den warmen Tagen hinten in den Garten raus konnte. Dort „lebte“ eine für mich damals uralte Frau namens Baumhauer, mit der ich viele Nachmittage verbrachte.

Meine Oma konnte sich bis 90 noch ganz gut selbst versorgen; bis die Zwischenfälle mit dem Rauchmelder aufgrund von vergessenem Essen auf der Herdplatte zu häufig wurden. Der gebrochene Oberschenkelhals in einem langen Winter war dann der letzte Anstoß, um nach externer Hilfe für sie zu suchen. Da übersiedelte sie zum Schlafen in die Bauernstube in ein Spezialbett und hat seither eine 24h-Heimhilfe.

Auch diese Ostern schliefen wir im Schlafzimmer mit besagtem Bild neben dem Fenster. In der letzten Nacht schreckte ich aus einem Traum hoch. Die Tür stand offen, Licht schien vom Gang herein. Meine Oma stand beim Fenster, eine Hand auf dem Heizkörper und sagte: „Do stimmt wos ned.“ Ja, natürlich nicht. Ein fremder Mann lag in Opas Bett.

In jener Nacht versuchte ich meine ca. 1,50 große Oma wieder zurück in ihr Bett zu bringen. Doch sie dirigierte mich mit einer aus dem Irgendwo kommenden Kraft in die Küche meiner Eltern mit der sich wiederholenden Aussage: „Do stimmt wos ned.“ Auf die Frage, was sie denn suche, sagte sie:  „Wo ist denn das Büro?“ Ein solches gab es meines Wissens hier nie. In ihren Augen konnte ich sehen, dass sie nicht wusste, wer sie war und wo sie sich befand. Mit viel gutem Zureden brachte ich sie zurück in die Bauernstube. Ich spürte die Erleichterung in ihrem Körper. In diesem Zimmer fand sie sich wieder zurecht. Von unseren Stimmen war auch Joana wach geworden. Die Pflegerin legte meine Oma wieder ins Bett. Ich hörte die beiden noch eine ganze Weile diskutieren, denn meine Oma wollte partout wieder aufstehen. Vor 25 Jahren war sie noch ganz resolute Geschäftsfrau. Diese Entschlossenheit hat sie auch heute noch.

Das Auswirkungen des Alters betreffen uns (fast) alle früher oder später. Tag für Tag kommen wir ihm näher. Zuerst lässt die Sehkraft nach. Dann fragt man beim Plaudern des öfteren nach, weil die Worte nicht wie oft gehörte klingen. Das Stiegensteigen kann mühsam werden. Und generell schwindet die Kraft der Muskeln. Doch unser Gehirn gaukelt uns lange noch vor, am Zenit unserer Leistungsfähigkeit zu sein. Ab wann werde ich Dinge tun oder sagen, über die sich mein Umfeld nur noch wundert? Wenn es soweit ist, werde ich es höchstwahrscheinlich nicht mitbekommen.

27.03.15

25 Jahre Wien


Am 20. März 1990 wusste ich (noch) nicht, dass ich kam um zu bleiben. Meine Zeit als Bewohnerin von und Arbeitnehmerin in Wien trug damals ein internes Ablaufdatum. Ich war überzeugt, in zwei bis drei Jahren würde Wien Geschichte sein. Zwar träumte ich nicht von Mann, Haus, Kind und Hund (weder in dieser noch in einer anderen Reihenfolge), doch sah ich mich viele Jahre nicht als Wienerin, weder als werdende und schon gar nicht als seiende.

Ich pendelte jedes Wochenende. Trug meine Reisetasche mit der ungewaschenen Kleidung vom Bahnhof zum Hauptplatz in Horn. Wartete dort im Geschäft bzw. Büro meiner Familie auf die „Sperrstunde“ um 18 Uhr, um mit meinem Papa in meinen Heimatort zu fahren. Im Frühling/Sommer/Herbst stieg ich meist nach dem Abendessen an den Freitagen noch aufs Rad und fuhr eine große Runde; um frische Luft zu atmen, die Weite zu sehen und mich mehr oder weniger wieder zu erden. Sonntag Nachmittag begann die Wehmut, diesen Ort wieder zu verlassen und gegen eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung in der Nähe des ehemaligen Südbahnhofs zu tauschen. Oft fuhr ich mit dem ersten Bus Montag Früh – was bedeutete, dass ich um etwa vier Uhr aufstehen musste – nach Horn und stieg dort in den Bus nach Wien-Mitte. Der damals sehr frequentierte Busbahnhof ist heute eine Einkaufsmall mit Anbindung zum Flughafen.

Ich zog das durch bis ins Jahr 1994. Damals hatte ich bereits meinen vierten Job und lebte in einer Haus-Wohngemeinschaft in Langenzersdorf; zusammen mit einer Deutschen, einem Türken, einer Polin und einem Banghalesen. Eine von ihnen fragte mich damals ganz offen, ob ich das Spiel ewig so weiterspielen wolle. Eigentlich nicht. Denn nichts war Fisch oder Fleisch. Weder die Zeit in Wien noch jene im Waldviertel. Die Freunde von draußen wurden mir von Monat zu Monat fremder. Und die neuen Freunde in Wien? Mit ihnen teilte ich nur die Alltagswoche, nicht jedoch die Freizeit. Und so kam es, dass sich ab Langenzersdorf die Abstände zwischen den Wochenenden verlängerten. Mein Dasein wurde klarer.

Wenn ich heute ab und zu mit meiner beruflichen Situation hadere, kommen mir Papas Worte ins Ohr: „Wärst du da geblieben, dann wärst du schon Prokuristin in der Volksbank.“ Ohne Zweifel. Und doch bin ich froh, dass ich mich für mein eher unstetes (Berufs)Leben in Wien entschieden habe. Auch wenn mir unser Sohn mittlerweile manchmal in den Ohren liegt: „Mama, wieso haben wir kein Haus?“ – Was ich dann nicht antworte: „Weil du das ziemlich sicher in nur wenigen Jahren bereuen würdest und dir mit spätestens fünfzehn die viel zitierte Decke auf den Kopf fallen wird.“

Und dennoch: Das letzte Wort zum Thema „Stadt-Land“ ist noch nicht gesprochen. Mein Mann und ich überlegen tatsächlich die Landflucht. Nicht, weil wir das Leben in Wien nicht schätzen. Aber bei dem ohnehin anstehenden Wohnortwechsel wollen wir keine halben Sachen mehr machen oder faule Kompromisse eingehen. Und manchmal träumen wir vom Selbstversorgen und Selbständigsein draußen in einem Häuschen am Land – gute Internetverbindung vorausgesetzt.

Ob ich am 20. März 2020 meine 30 Jahre Wien feiern werde? Schwer zu sagen. Die Chancen stehen 50:50. Wetten werden gern entgegengenommen.