06.11.16

Haare lassen

Die Haare sind zu lang, werden zu den Spitzen hin dünner und dünner. Und generell fehlt ihnen nach dem letzten Touchieren der Spitzen jegliche Fasson. Also war es an der Zeit, bei Christian anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Der Blick in den Spiegel ist derzeit nur bedingt freudvoll. Okay, die Ränder unter den Augen waren des Morgens auch schon mal weniger tief. Dagegen kann er allerdings nichts tun.

Christian halte ich seit sechzehn Jahren die Treue. Zwei bis drei Mal pro Jahr fahre ich in den sechsten Bezirk und unterhalte mich über Fernsehserien, Kinofilme, Rennradfahren und vegane Ernährung. Währenddessen fallen die Haare zu Boden – mal nur zwei Zentimeter, mal ganze zwanzig. „Spitzen streicheln“ nennt es mein Mann, wenn ich mit nur einem Zentimeter weniger nach Hause komme. Zu viel mehr ringe ich mich nur selten durch.

Dass unser Sohn wie Christians Erstgeborener heißt, das ist ein Mittelding von Zufall und Absicht. Wir suchten nach einem männlichen Pendant für Alana und stießen bei unseren Recherchen auf Colin. So ein Friseurbesuch kann langfristige Folgen haben. Auf vegane Ernährung bin ich allerdings noch nicht umgestiegen.

Vor Christian wechselte ich meine Haarschneider in Wien etwa alle halbe Jahre. Im Waldviertel war das anders. Da wurde ich erst zwanzig, bevor ich den ersten Friseursalon von innen sah. Als meine Geschwister und ich Kinder waren, rückte meine Mutter regelmäßig mit der Schere an und stutzte uns die Haarpracht – ohne Lineal, ohne Ausbildung und zum Glück nicht mit der Schneiderschere.

Ich bewunderte stets die Mädchen mit langen Haaren und geflochtenen Zöpfen. Zu gerne hätte ich auch so einen den Rücken bis zum Po hinunterbaumeln gehabt. Es blieb beim Wunsch, denn lange Haare machten angeblich viel zu viel Mehrarbeit. So in etwa hieß es, sobald meine Haare sanft die Schultern streichelten.

Als ich vom Kind zum Teenager heranreifte, – wir schrieben die 1980er-Jahre – kam der unbedingte Wunsch nach einer Dauerwelle. Ich hatte meine erste – glaube ich mich zu erinnern – mit elf oder zwölf. Sie entsprach allem, nur nicht meinen Erwartungen von schönem lockigem und vollem Haar. Eine Frau aus dem Dorf, die sich ihren Lebenstraum als Friseurin im Keller ihres Hauses verwirklicht hatte, rührte die Paste, verteilte sie in meinem Haar, ließ sie einwirken, nachdem sie die Haare auf eine ortsübliche Länge (Kurzhaar war damals sehr angesagt) zurecht geschnitten hatte.

Ich war mit ihrer Tochter und Stieftochter befreundet – und so gab es, wenn die Mädels dabeisaßen, stets etwas zu bereden. Über den nächsten Discobesuch, das letzte  Feuerwehrfest, die Fußballer des SV Pölla und weiteren Klatsch und Tratsch, der für Teenager in unseren Breitengraden von immenser Bedeutung war.

Natürlich machte ich auch mit, als die genannten Töchter ihre wasserstoffblondierte Strähnchen-Phase hatten. Dieses Blond war die damalige It-Farbe; zumindest in Österreichs kaltem Norden, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen und die Novembernebel stets lange und tief in den Gräben hingen. An der Düsternis im Spätherbst hat sich bis heute nichts geändert. An den Farben und Frisuren der Frauen auch nicht allzu viel.


Heute lasse ich nur noch Wasser und Shampoo in meine Haare – und Christians Schere. Jegliche Farbgebung und Wellenbewegung interessiert mich nicht. Auch wenn sich bereits die ersten weißen Haare zeigen. Wenn sie mehr werden, dann komme ich eben in die „graue Phase“ meines Lebens. Künstlich einen Schein zu wahren, liegt mir nicht. Bei meinem Besuch in den nächsten Tage in seinem Studio werden wir sicher wieder einiges zu reden haben. Wer weiß, vielleicht wirkt sich das Haareschneiden diesmal nachhaltig auf die künftige Wohnsituation aus.

12.07.16

Britische Annäherung

Im Sommer 1986 kam Claire Smith aus Manchester zu mir ins Waldviertel. Der Kulturschock war ihr damals nur dezent ins Gesicht geschrieben. Von einer Stadt, die auch so manche Pop-Gruppe hervorgebracht hatte in ein 250-Menschen-Dorf ist nicht ganz ohne. Hier wurde nicht in jedem Wirtshaus am Abend die Gitarre gezückt und Musik gemacht. Frauen und Mädchen waren generell eher selten gesehene Gäste beim Dorfwirt. Außer nach dem Fußballmatch der heimischen Mannschaft. Da saßen dann alle: Männer und Frauen, Burschen und Mädchen in unmittelbarer Nähe eines Zapfhahns und auch am Stammtisch. Für die Kleinen gab es Bensdorp-Schokoriegel in blau und grün oder Manner-Schnitten zum Obi.

Zurück zu Claire: Sie verließ meine Ex-Heimat mit ein paar neuen Geschmacksrichtungen am Gaumen: Grillhendl und Bratlfettn etwa. Und als Deutsch-Studierende auch mit ein paar nicht in der Schule gelernten Wörtern auf der Zunge wie Leitn für Abhang oder heigna für heuen. Und bekam zu spüren, dass der eiserne Vorhang gefühlt unmittelbar neben unserem Dorf begann: Der Truppenübungsplatz war eine „natürliche“ Barriere in den Norden.

Möglich gemacht hatte unsere zwei Jahre dauernde Bekanntschaft ein Schüleraustauschprogramm. Ich war meinen Eltern damals lange genug in den Ohren gelegen, dass ich nach England musste, sonst wäre es um mein künftiges Wohlergehen geschehen. Denn ich wollte unbedingt anwenden, was ich in der Schule gelernt hatte. Hing ich doch von der ersten Englisch-Stunde an meiner Professorin im Gymnasium an den Lippen. Sie verwendete nie eine deutsche Silbe im Unterricht und lehrte den britischen Akzent. Im Waldviertel selbst bot sich wenig Gelegenheit, mit native speakers zu plaudern. Also blieb mir nur der Weg über den Kanal.

Was ich als erstes lernte, als ich ein Jahr später britischen Boden betrat: Die englische Küche ist durchaus genießbar, wenn die Gastfamilie einen Faible für Italien hat. Es gab oft Pasta und niemals fish&chips zum Abendessen. Und am Nachmittag gegen fünf trank ich mit Claires Dad einen Instant-Kaffee und aß dazu Baguette mit Tomate und Käse – nix mit Earl Grey und Gurkensandwich.

Meine Gastfamilie wohnte in einem Vorort von Manchester namens Cheadle Hulme. Dort ging ich das erste Mal zu einem Mc Donalds und ließ den Vanilla-Shake nach ein paar Schlucken stehen. Er war mir, die ich noch nie Fastfood gegessen hatte, viel zu süß. Mit ihrer Oma trafen wir uns einmal im Pub zum Mittagessen. Für einen Abendbesuch hatte ich noch nicht die notwendigen Jahre. Ale und Lager waren sowieso nicht meines. Und Cider kannte ich noch nicht einmal vom Hörensagen. Ich sah meine ersten Mumien, als wir durch Manchesters Museen streiften und kam auf dem Rücksitz der Familienkutsche bis nach Wales. Ich lernte außerdem, dass es Mandschasta hieß und nicht Mendschesta. Am Ende der zwei Wochen träumte ich sogar schon auf englisch.

Worüber ich mich wunderte: Über Menschen in Shorts, Röcken und T-Shirts ohne Socken und Strümpfe bei Temperaturen unter 20 Grad. Darüber, dass alle – fast alle – schlank waren; egal ob alt oder jung. Wenn ich da an die BesucherInnen von den Cafe-Konditoreien in Österreich dachte... kein Vergleich.

Seither war ich noch fünf Mal auf der britischen Insel. Drei Mal besuchte davon meine Schwester, die England als neue Heimat gewählt hat. Morgen Mittwoch startet der siebte Ausflug – mit dem Auto quer durch Europa. 1987 war Österreich noch weit davon entfernt, Mitglied der EU zu werden. Heute steht Großbritannien vor dem Austritt. Das obligatorische Geldwechseln blieb über die Jahre gleich.


Ob mein Sohn einmal uneingeschränkt durch Europa wird reisen können, wenn er – so wie ich damals – 16,17 sein wird? Schwer zu sagen. Derzeit stehen die Zeichen auf mehr Unfreiheit als ich als „Kind des Kalten Krieges“ je zu befürchten wagte.

07.05.16

Deutsche Sprache - schwere Sprache

Ich erinnere mich noch an jenen Tag, als ich nach den verspielten vier Jahren Volksschule erstmals die nach Plastikböden riechenden Gänge des Gymnasiums in Horn durchschritt. Und auch an meine Verwunderung über den im braunen Arbeitsmantel erscheinenden Deutschprofessor mit dicker Hornbrille und dunklen, schon schütter werdenden Haaren. Er war nicht der einzige mit Arbeitskittel. Unsere Mathematikprofessorin hatte einen in blau. Mich hatte diese Dienstkleidung schon damals verwundert. Er wirkte auf mich wie ein Schutzmantel vor aufmüpfigen Kindern und Teenagern, um die eigene Grenze und die Autorität zu schützen.

Besagter Mann in braun erkor schon in den ersten Stunden seine Lieblinge in der 1A aus. Ich gehörte nicht dazu, denn ich wusste ja nicht einmal, dass man die persönlichen Fürwörter abwandeln konnte. Das hatte ich in meiner Waldviertler Volksschule nicht gelernt. Und dass ihm das gar nicht gefiel, unterstrich er mit seinem Lieblingssatz, der nur aus vier Worten bestand und sein Missfallen auf eine sehr unpädagogische Art ausdrückte, die er mir mit ernstem Gesicht unter die Nase rieb, während er die Note für die in seinen Augen wahrhaft schlechte Wiederholung des Gelernten in sein Notizbuch schrieb. Ob er grammatikalisch als Satz durchgeht, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Er lautete: „Ziegelwanger, setzen, nicht genügend.“

Womit uns der Herr Professor immer wieder zu sich nach vorne an die Tafel lockte, waren die korrekt auswendig zu lernenden Merksätze der deutschen Grammatik. Sie brachten sowohl mich als auch einige MitschülerInnen vor der Deutschstunde regelmäßig ins Schwitzen. Diese Merksätze hatten rot umrandet zu sein. Zum Glück, denn so fand ich sie schneller im Schulübungsheft, um sie mir vor dem Unterrichtsstart nochmals in Unruhe durchzulesen.

Man darf meinem Professor zugute halten, dass wir nicht nur auf deutsche Grammatik gedrillt wurden, sondern auch Gedichte von Goethe, Schiller und Rilke auswendig lernen durften. Eines, an das ich mich immer erinnern und mit ihm und seinen Namen verbinden werde ist Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“:

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Warum? Mein Deutschprofessor hieß Walla im Nachnamen. Und dieser Auszug aus dem Gedicht diente meinen MitschülerInnen und mir als Erkennungszeichen, wenn er sich der Klasse näherte.

Als ich in diesen ersten Jahren sämtliche meiner Schwächen in der deutschen Grammatik aufgrund der kalten Angstschweiß in den Händen auslösenden Stundenwiederholungen ausmerzte, war es danach der Ausdruck, der ihn meine Schularbeiten seitenweise rot unterwellen und ihn maximal ein Befriedigend unter meine Texte kritzeln ließ.

Derart geprägt ließ ich Literatur und Bücher lange Zeit links liegen. Für die Matura in der Handelsakademie hatte ich zwar eine Leseliste abgegeben, doch maximal die Zusammenfassungen einmal überflogen. Was bei einer schriftlichen Deutschmatura zu einem Wirtschaftsthema nichts zur Sache tat. Zum Glück.

Ist Kritik und Angst das geeignete Mittel, um das Beste aus seinen SchülerInnen herauszuholen? Ich wage es zu bezweifeln. Mehr als dreißig Jahre später bin ich über den Schatten seines Arbeitsmantels gesprungen und habe erstmals an einem Literaturwettbewerb teilgenommen. Natürlich ist das Abgeben eines Textes allein kein Beweis für inhaltliche Brillanz und stilistische Reife.

Und doch ist es ein wenig, als hätte ich ein Korsett abgestreift, das anzulegen keinesfalls aus freiem Willen geschah, sondern ein Erwachsener mir übergestülpt hatte. Und da war und bin ich bis heute kein Einzelfall. Letztendlich können solch prophetische Urteile über junge Menschen fatale Folgen haben: Die einen beugen sich dem Urteil, die anderen treten den oft sehr schwierigen Gegenbeweis an.

Es geht mir nicht um eine Abrechnung mit meinem ersten Deutschprofessor, auch wenn ich mich in den letzten zehn Jahren immer wieder mit meiner Schreibgeschichte auseinandergesetzt habe.  Das einzige, was heute für mich zählt: Mir macht das Schreiben mehr und mehr Spaß. Und vor allem war es mir eine Freude, an besagter Kurzgeschichte zu arbeiten, die ich wirklich zu einem Zweck und nicht für die Schublade geschrieben habe; wie einige andere seit 2010, die dort hoffentlich nicht verstauben sondern nur auf das Überarbeiten warten.